Je älter ich werde, desto weniger Konstanten gibt es in meinem Leben. Zum Beispiel gibt es noch den Holunderbaum, auf den ich als Kind geklettert bin. Oder unseren Wohnzimmerteppich – der war einfach schon immer da. Und da gibt es Supertramp. Die von mir liebevoll mit rosafarbenem Filzstift eingekrakelten Plattencover beweisen, dass diese Musik einfach schon seit frühester Kindheit immer ein Teil meines Lebens war. Dementsprechend groß war seit langem mein Wunsch, Roger Hodgson - das Superhirn hinter den allermeisten Songs von Supertramp – endlich live zu sehen. Nach gefühlten Tausend verpassten Gelegenheiten bot sich mir nun die Chance, mir meinen lange gehegten Wunsch zu erfüllen, noch dazu in wunderschöner Umgebung auf der Honberg-Ruine in Tuttlingen, gerade einmal 25 Minuten zu fahren. Als ich Anfang Juni erfuhr, dass noch Karten zu haben waren, war mein Glück perfekt und ich blätterte immerhin 56 Euro dafür hin, was meine ohnehin nicht gerade gut gefüllte Studentenkasse noch weiter strapazieren durfte. Aber ich kann eins vorweg nehmen: jeder einzelne Cent war seine Investition wert. Denn: was ich Gestern erleben durfte, war schlichtweg das beste Konzert meines Lebens.
Aber erstmal langsam. Bevor mein Bruder und ich das Konzert sehen konnten, mussten wir es uns durch den Aufstieg zur Burgruine erstmal verdienen. Als ich schließlich oben ankam - mit meiner Gesichtsfarbe einem Feuerlöscher nicht ganz unähnlich – blieb nur wenig Zeit zum ausruhen. Gleich nach Einlass stürmten mein Bruder und ich den Merchandising-Stand (zum Glück gleich, denn nach dem Konzert wurde er von ca. 100 Leuten belagert). Dann noch eine kleine Stärkung in Form eines Biers, und los ging es ins ausverkaufte Zirkuszelt.
Pünktlich um 20:00 Uhr betraten Roger Hodgson und Saxophonist Aaron McDonald die Bühne – ohne Vorgruppe, den die war, wie alle schnell erfahren durften, komplett unnötig. Bereits der Applaus zu Beginn war schlichtweg ohrenbetäubend. Dann gleich als erstes Lied: Take The Long Way Home, was bei mir unmittelbar zu Gänsehaut führte und (als ich mich umdrehte) dem einen oder anderen sogar Tränen in die Augen steigen ließ. Danach wieder unfassbar lauter, tosender Applaus, euphorisches Pfeifen: das Publikum war jetzt schon kurz vor dem Durchdrehen. Etwas vergleichbares habe ich noch nie erlebt, zudem das Zelt ja nun auch nicht gerade riesig ist. Der Lärmpegel hätte einem Stadion in nichts nachgestanden. Weiter ging es unter anderem mit The Logical Song, Give A Little Bit, Fools Overture und vielen, vielen anderen (Setlist wird nachgeliefert), die jedes Mal mit begeistertem Gebrüll beendet wurden. Dass eine wirklich außergewöhnliche Stimmung herrschte, merkte man auch den beiden Musikern an, die sich sichtlich freuten, teilweise sogar aufgrund der begeisterten Reaktionen auf Saxophonsoli nur noch erstaunt den Kopf schüttelten und lachten. Noch nie war ich auf einem Konzert, bei dem ich mich dermaßen über jedes einzelne Lied freute und das Publikum so enthemmt feierte. Ich hatte geradezu das Gefühl, hier ein Stückchen Musikgeschichte zu atmen. Auch Roger Hodgson selbst erzählte, wie gerne er immer noch seine alten Hits spiele und nahm die Zuhörer so mit auf eine Zeitreise durch die letzten ca. 35 Jahre.
Doch es wurden nicht nur die Hits gespielt, beispielsweise gab es auch neueres Material zu hören von seinem (sehr guten) Album Open The Door, oder auch aus den frühen Phasen von Supertramp mit Rosy Had Everything Planned vom Album Indelibly Stamped. Richtig traurig wurde es, als Roger erzählte, dass seine Mutter vor zehn Tagen gestorben war und er für sie das Lied Don`t Leave Me Now spielte und selbst feuchte Augen bekam. Danach wurde er dann aber wieder fröhlicher und scherzte kräftig weiter. Unglaublich, wie sympathisch der Mann ist.
Unfassbar auch, was für einen unglaublichen Sound Rodger Hodgson und sein einfach nur brillanter Begleiter Aaron McDonald zu zweit hinbekommen. Ich vermisste weder Schlagzeug noch Bass - Gitarre, Klavier, das obligatorische Keyboard, Saxophone, Klarinette, Mundharmonika, Melodika, Flöte (und weiß Gott was noch!) schufen eine wunderbare Kulisse, ließen Roger Hodgsons noch immer unverwechselbarer und um keinen Hauch gealterter Stimme dennoch ihren Raum.

Wie gesagt, es fehlte an nichts, keine Störenfriede, geniale Stimmung, unglaublich sympathische Künstler und dann, als Zugabe und Tüpfelchen auf dem i noch
School, dann noch eine Zugabe, und noch eine, und da das Publikum immer noch mehr fordert, kommen die beiden – trotz bereits angehender Lichter und Musik – noch einmal (nach bereits über 2 gespielten Stunden) heraus und spielen
It´s Raining Again noch ein zweites Mal, einfach, weil es allen so viel Spaß gemacht hat. Danach gehen dann endgültig die Lichter an, ich bleibe noch einen Moment stehen und muss mich erst wieder zurück finden ins Jahr 2009, muss realisieren, was ich gerade erlebt habe – und feststellen, dass meine Arme vom begeisterten Klatschen schmerzen. Danach wieder der Abstieg von der Burg, zurück nach Hause, Stille im Auto, weil wir beide noch kein schnödes Autoradio das Gehörte überdudeln lassen wollen. Heute Morgen wache ich dann auf, glücklich, mit Muskelkater (darüber natürlich nicht ganz so glücklich) und erwische mich den ganzen Tag über dabei, den Anfang von
Easy Does It zu pfeifen. Schön war´s!